Drahtseil und Trapez als Mittel moderner Pädagogik


Beitrag vom 26.04.2021

„Ich hätte Sie gerne in einem unserer Zelte begrüßt. Aber auch uns hat Corona lahmgelegt“, bedauerte Ann-Katrin Bichlmaier zu Beginn des 20. Fröndenberger Unternehmerstammtisches, der auf Einladung der heimischen CDU wiederum online stattfand. Die Gründerin und Direktorin des Mitmachzirkus, der mit seinem umfangreichen Fuhrpark seit vielen Jahren im Gewerbegebiet auf der Hohenheide ansässig ist, stammtaus einer Familie, die im Gesundheitswesen tätig ist. Sie selbst begann eine Ausbildung zur Arzthelferin, ehe die Liebe sie zum damaligen Zirkus „Trumpf“ verschlug. 

Gemeinsam mit ihrem Ehemann änderte sie das Konzept und wandelte den klassischen Zirkus in einen sogenannten Mitmachzirkus um. „Normalerweise werde wir langfristig gebucht, vor allem in den Ferien. Wir arbeiten mit Schulenund mit familienunterstützenden Diensten. Auch Kinder mit Behinderungen sind dabei,“ so Bichlmaier. „Für unsere pädagogische Arbeit werden wir regelmäßig von der Bezirksregierung zertifiziert.“

Je nach Platzangebot vor Ort werden bei den Projekten, die meistens über eine Woche gehen, Zelte in verschiedenen Größen eingesetzt. „In bis zu zehn Workshops werden mit den Kindern zunächst unterschiedliche Disziplinen trainiert. Am Ende steht als Höhepunkt immer eine große Galavorstellung, zu der Eltern, Freunde und Verwandte eingeladen sind“, so Bichlmaier. 

Es ist spürbar, wie die 45-Jährige für ihre Arbeit, die sieauch als soziale Aufgabe begreift, brennt: „Das Schöne ist ja, dass die Thematik „Zirkus“ so viele Brücken schafft: Kinder mit Handicap, mit Migrationshintergrund – wir bringen Menschen zusammen. Bei den Kindern haben wir das Glück, ganz unvoreingenommen sein zu können. So, wie wir sie vorfinden, nehmen wir sie an. Wir vermitteln ihnen neue Fähigkeiten und ein Mehr anSelbstbewusstsein.“

Das Unternehmen vereint unter dem Zeltdach viele Berufe. Während Ann-Katrin Bichlmaier sich um Organisation und Management kümmert, betätigt sich ihr Ehemann unter anderem als Schweißer, Monteur und Fuhrparkmeister. Und die Kinder? Bichlmaier ist zu recht stolz auf ihren Nachwuchs: „Die unterstützen uns. Sie müssen nicht im Zirkus mitmachen. Aber sie wollen – das ist bei uns wie in der Landwirtschaft.“ Natürlich finden alle Taufen, Konfirmationen und sogar Trauungen im Zirkuszelt statt.

Wo und wie geht man zur Schule, wenn man viele Monate im Jahr jede Woche in einer anderen Stadt lebt? In NRW gibt es seit 25 Jahren eine Schule für Zirkuskinder, die vom Vorschulter bis zum Realschulabschluss mit Qualifikationreicht. Das Abitur kann in Dortmund am Westfalenkollegabgelegt werden. Der Unterricht erfolgt überwiegend online, so dass die Kinder mit Corona zumindest schulisch gar nichts Neues erleben. In den Wintermonaten gehen bzw. gingen die Bichlmaier-Kinder zur Overberg- oder Gesamtschule in Fröndenberg. Die Mutter stellt fest: „In NRW ist das gut geregelt. Es gibt auch Klassenfahrten und Schwimmkurse. Corona hat jedoch uns als Zirkusbranchegezeigt, wie nötig eine grundlegende Ausbildung ist. Es wird aktuell ein Modell entworfen, wie eine handwerkliche Ausbildung erfolgen kann, ohne sesshaft zu sein. Geplant sind mehrere Module bzw. Teilqualifikationen, die am Ende zu einem Abschluss führen, mit dem unsere jungen Leute auch in anderen Unternehmen arbeiten können.“

Ann-Kathrin Bichlmaier steckt trotz der momentan sehr schwierigen Lage voller Pläne. Zum Schluss verriet sie den Teilnehmern des Unternehmerstammtischs eine Herzensangelegenheit: „Es gibt Familien mit Kindern, die beatmet werden müssen. Ich weiß aus Erfahrung, wie sehr dadurch das normale Leben beeinflusst wird. Gerne möchte ich, vielleicht mit Hilfe eines Vereins, diese Familien unterstützen. Ich möchte den Zirkus zu ihnen nach Hause bringen und ihnen so eine kurze, aber aufbauende Auszeit ermöglichen.“





 












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